Kategorien &
Plattformen
"Die Erde bringt von selbst ihre Frucht"
"Die Erde bringt von selbst ihre Frucht"

"Die Erde bringt von selbst ihre Frucht"

AUGENBLICK - ein Gedanke aus dem Einblick 2018/19

Liebe Leserinnen und Leser,

Eine alte Geschichte aus China erzählt von einem Bauern, der seinen Acker gut vorbereitet, gepflügt und gesät hatte. Aber es quälte ihn der Gedanke, dass die Saat nicht zu wachsen schien. Von Tag zu Tag wurden seine Ängste größer, so dass er nicht mehr schlafen konnte. Da lief er mit einer Idee zu seinem Feld und begann, die zarten Hälmchen in die Höhe zu ziehen, ein ganz klein wenig nur. Es war eine lange und mühsame Arbeit. „Ich habe meinem Korn beim Wachsen nachgeholfen“, rief er fröhlich seinen Nachbarn zu, als er endlich fertig war. Neugierig liefen alle zum Feld; denn sie konnten an kein Wachsen glauben, das keine Zeit für sich in Anspruch nimmt. So war es nicht erstaunlich, dass alles, was die Herbeigelaufenen zu sehen bekamen, verwelkt war und im Sterben lag. Noch lange lachten die Menschen im Dorf über die Torheit des Bauern, der nicht wusste, dass jedes Wachstum seine Zeit braucht, um seinem Ziel entgegenzureifen. Aus diesem Wissen erwächst die Geduld, die allem was dem Gesetz des Wachstums unterliegt, die entsprechende Zeit lässt.

In den Texten des kommenden Sonntags begegnen uns Bilder des Wachsens, der Hoffnung und der Erwartung. Der Prophet Ezechiel und Jesus vergleichen einzelne Menschen und das ganz Volk mit dem Wachstum eines Baumes. Der Baum ist ein altes Bild in der Bibel. Wie langsam ein Baum wächst und grün wird, wieviel Geduld es braucht, bis er süße Früchte trägt, bebildert anschaulich in diesen Wochen die Gottes Natur.

Jenem törichten und kurzsichtigen Bauern fehlte nicht nur das Wissen um die Wachstumsgesetze des Reifens, es mangelte ihm auch an dem Vertrauen in die Kraft des Samens. Es fehlte ihm die Liebe zu seinem Werk; denn jede wahre Liebe verbindet sich mit der Geduld, wie es auch keine wahre Liebe ohne Geduld gibt. Der Dichter R.M. Rilke sagt, das Wort „Geduld“ ist zwar ein „armseliges, aber ein sehr zuverlässiges Wort; es ist ein Wort mit Durchsetzungskraft, die nur Wenigen zu eigen ist“.

So darf ich die Botschaft unseres Sonntag an uns alle in die Worte zusammenfassen: Ahme den Gang der Natur nach! Ihr Geheimnis ist Geduld.

Ihr Pfr. Peter Soltes